Mixed-Media-Art und kognitive Flexibilität: Warum Kreativität beweglich macht
Ich liebe es, anlässlich der Düsseldorfer Kunstpunkte durch die offenen Ateliers der Düsseldorfer Künstler zu schlendern.
Ich kann mich stundenlang mit den unterschiedlichsten Arbeiten beschäftigen. Manche begeistern mich sofort, andere inspirieren mich und bei wieder anderen kann ich zwar die technische Leistung anerkennen, aber die Arbeit berührt mich persönlich einfach nicht.
Und genau darüber bin ich einmal mit einem Hobbykünstler ins Gespräch gekommen.
Er malte seit Jahrzehnten Landschaften in Öl und hatte seine Technik über viele Jahre immer weiter perfektioniert. Seine Bilder waren handwerklich wirklich hervorragend. Perspektive, Licht, Farben, Pinseltechnik – alles saß.
Nur: Mir haben die Bilder nichts gesagt.
Ich hatte das Gefühl, solche Landschaften schon sehr oft gesehen zu haben
Das Interessante war aber: Für den Künstler war genau das überhaupt kein Problem. Er betrachtete die Malerei vor allem als Handwerk. Sein Ziel war es, die Technik der Ölmalerei immer besser zu beherrschen und seine Fähigkeiten weiter zu perfektionieren.
Und ich fand diesen Gedanken spannend.
Denn genau hier liegt für mich ein wesentlicher Unterschied zu dem, was ich an Mixed-Media-Art so liebe.
Perfektion oder Überraschung?
Natürlich kann man auch Mixed Media technisch perfektionieren. Man kann bestimmte Techniken immer weiter verfeinern und seine handwerklichen Fähigkeiten verbessern.
Aber das ist für mich nicht der eigentliche Reiz.
Bei Mixed Media geht es vielmehr darum, auszuprobieren, zu kombinieren und sich überraschen zu lassen.
Was passiert, wenn ich dieses Papier auf die Farbe lege?
Wie verhält sich die Farbe auf diesem Untergrund?
Was passiert, wenn ich ein Stück alte Tapete integriere?
Passt dieses Foto wirklich zu dem Bild – oder entsteht daraus gerade etwas völlig anderes?
Und manchmal passiert etwas, das überhaupt nicht geplant war.
Ein Farbfleck landet an der falschen Stelle.
Eine Struktur sieht plötzlich ganz anders aus als gedacht.
Ein Papierstück sitzt schief.
Eine Farbschicht wird viel dunkler als erwartet.
Und jetzt?
Der Klecks ist kein Fehler
Genau hier beginnt es für mich interessant zu werden.
Bei einer Arbeit, die auf möglichst perfekte technische Umsetzung ausgerichtet ist, kann ein solcher „Fehler“ ein Problem sein. Er muss korrigiert werden oder die Arbeit muss im schlimmsten Fall neu begonnen werden.
Beim Mixed Media darf der Klecks einfach erst einmal da sein. 😉
Und plötzlich lautet die Frage nicht mehr:
„Wie bekomme ich das wieder weg?“
Sondern:
„Was kann ich daraus machen?“
Vielleicht bekommt der Klecks eine Umrandung.
Vielleicht wird daraus eine Blüte.
Vielleicht kommt eine zweite Farbschicht darüber.
Oder ich integriere ihn so geschickt in die Komposition, dass er am Ende aussieht, als wäre er von Anfang an
geplant gewesen.
Und genau diese Haltung finde ich unglaublich spannend.
Denn ich muss meinen ursprünglichen Plan loslassen und neu denken.
Wenn das Bild plötzlich andere Pläne hat
Das erlebe ich gerade selbst ziemlich häufig.
Ich arbeite momentan intensiv an meinen Mixed-Media-Collagen und hatte erst kürzlich eine ganz konkrete Vorstellung davon, wie eine Collage mit einem meiner Kinderfotos aussehen sollte.
Ich hatte den Plan gemacht.
Das Bild hatte offenbar andere Pläne. 😉
Während des Gestaltens entwickelte sich die Arbeit in eine völlig andere Richtung. Die Elemente, die ich dem Kinderbild hinzufügen wollte, passten irgendwie nicht so recht. Ich übermalte einige Formen, entfernte, was störte und irgendwann blieb vorerst nur das Kinderbild stehen.
Das Kind ist geblieben – die Geschichte nicht.
Alles, was darum herum entstand, hatte mit meiner tatsächlichen frühen Kindheit eigentlich gar nichts mehr zu tun. Die Collage erzählte plötzlich eine neue Geschichte – eine, die es so in meinem Leben nie gegeben hat. Es ist das Bild über diesem Beitrag.
Und genau das fand ich unglaublich spannend.
Denn ich hatte irgendwann aufgehört, meine ursprüngliche Idee umzusetzen. Stattdessen begann ich, auf das zu reagieren, was vor mir lag. Ein Bild führte zum nächsten, ein Material verlangte nach einem anderen, eine Idee löste die nächste aus.
Ich hatte den Plan gemacht. Das Bild hatte offenbar andere Pläne. 😉
Was hat das mit dem Gehirn zu tun?
Kognitive Flexibilität beschreibt vereinfacht gesagt die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Denkweisen oder Perspektiven zu wechseln, auf neue Informationen zu reagieren und eine Strategie zu verändern, wenn sie nicht mehr funktioniert.
Kreative Prozesse brauchen genau solche Fähigkeiten.
Wenn wir etwas Neues gestalten, müssen wir Ideen entwickeln, verschiedene Möglichkeiten miteinander kombinieren, Entscheidungen treffen, unsere ursprüngliche Vorstellung verändern und manchmal sogar komplett neu anfangen.
Forschung zur Kreativität beschreibt deshalb unter anderem das Zusammenspiel verschiedener kognitiver Prozesse wie kognitive Flexibilität, Arbeitsgedächtnis und Impulskontrolle. Kreatives Denken besteht eben nicht aus einer einzigen „Kreativitätsfunktion“ im Gehirn.
Und gerade Mixed Media bietet dafür einen interessanten Spielplatz.
Denn hier gibt es selten nur einen richtigen Weg.
Mixed Media zwingt dich nicht – es lädt dich ein
Das Wort „zwingt“ würde ich eigentlich sogar wieder zurücknehmen.
Denn genau das gefällt mir am Mixed Media: Es zwingt dich zu nichts.
Du kannst ausprobieren.
Du kannst etwas überkleben.
Du kannst Farbe wieder verändern.
Du kannst ein Bild auseinandernehmen und neu zusammensetzen.
Du kannst einen Plan verwerfen, der gestern noch wunderbar erschien.
Und du kannst aus einem vermeintlichen Fehler etwas völlig Neues entstehen lassen.
Das ist kreatives Denken in der Praxis.
Nicht unbedingt schneller denken.
Nicht unbedingt besser denken.
Was Mixed Media mit Perfektionismus zu tun hat
Ich glaube deshalb, dass Mixed Media auch für Menschen interessant sein kann, die sich selbst sehr hohe Ansprüche stellen.
Wer gewohnt ist, Dinge möglichst richtig zu machen, kann beim kreativen Arbeiten eine ganz neue Erfahrung machen:
Es gibt nicht immer ein richtig oder falsch.
Ein Bild muss nicht perfekt sein.
Ein Farbfleck muss nicht verschwinden.
Eine Idee darf sich verändern.
Und manchmal entsteht gerade aus dem Ungeplanten etwas, das man selbst niemals hätte planen können.
Das bedeutet natürlich nicht, dass eine Collage automatisch Perfektionismus „heilt“. Aber kreative Prozesse können einen Raum schaffen, in dem Ausprobieren, Umdenken und das Aushalten von Unvorhergesehenem ausdrücklich erlaubt sind.
Auch in kunsttherapeutischen Zusammenhängen werden kreative Medien genutzt, um Ausdruck, Reflexion und neue Perspektiven zu ermöglichen. Aktuelle Übersichtsarbeiten finden dabei Hinweise auf positive Effekte von Kunsttherapie unter anderem auf psychisches Wohlbefinden und bestimmte kognitive Funktionen – gleichzeitig ist die Forschung methodisch noch sehr unterschiedlich.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Stärke von Mixed Media
Für mich ist Mixed Media deshalb viel mehr als eine bestimmte Kunsttechnik.
Es ist eine Haltung zum Gestalten.
Ich kann einen Plan haben – aber ich muss nicht daran festhalten.
Ich kann einen Fehler machen – aber ich muss ihn nicht als Fehler betrachten.
Ich kann etwas beginnen, ohne schon genau zu wissen, wie es am Ende aussehen wird.
Und ich kann mich von dem überraschen lassen, was während des Prozesses entsteht.
Vielleicht ist genau das eine der schönsten Übungen für geistige Beweglichkeit:
Nicht immer sofort eine Lösung zu brauchen.
Nicht alles kontrollieren zu müssen.
Und manchmal einfach neugierig zu sein, was passiert.
Kreativität kennt keine festen Denkwege
Das ist übrigens auch der Grund, warum ich Mixed Media so gerne für MentalArtistry nutze.
Mir geht es nicht darum, Menschen zu besseren Künstlern zu machen. Und schon gar nicht darum, dass am Ende jeder ein perfektes Bild nach Hause trägt.
Mich interessiert viel mehr, was während des Gestaltungsprozesses passiert:
Was sehe ich?
Was fällt mir auf?
Was könnte ich verändern?
Was passiert, wenn ich etwas ganz anders mache als geplant?
Und was entdecke ich vielleicht, wenn ich meinem ersten Impuls einmal nicht folge?
Denn genau dort wird Kreativität spannend.
Und vielleicht steckt darin auch ein kleines Training für etwas, das wir im Leben eigentlich alle gut
gebrauchen können:
die Fähigkeit, umzudenken.