Markmaking: Einfach loslegen, kritzeln und entdecken
Manchmal ist der Kopf schon voller Ideen – aber die Hand will irgendwie noch nicht mitmachen.
Gerade wenn ich längere Zeit nicht praktisch-kreativ gearbeitet habe, kenne ich das gut. Dann brauche ich keine große Idee und schon gar nicht den Anspruch, gleich ein tolles Bild zu produzieren. Ich muss erst einmal locker werden.
Eine meiner liebsten Übungen dafür ist Markmaking.
Der englische Begriff lässt sich nicht ganz elegant ins Deutsche übersetzen. Gemeint ist im Grunde das bewusste Hinterlassen von Spuren: durch Kritzeleien, Linien, Punkte, Strukturen, Muster, Farbspuren oder Abdrücke.
Und genau das ist das Schöne daran: Es gibt kein richtig und kein falsch.
Du musst nichts darstellen. Du musst nichts können. Du musst noch nicht einmal wissen, was am Ende dabei herauskommen soll.
Du hinterlässt einfach Spuren.
Raus aus dem Kopf, rein ins Tun
Markmaking kann eine wunderbare Lockerungsübung sein. Gerade dann, wenn das weiße Blatt plötzlich viel zu weiß aussieht und man sich fragt: Und was soll ich jetzt damit machen?
Beim Markmaking gibt es diese Frage gar nicht.
Du nimmst einen Stift, einen Pinsel oder irgendeinen Gegenstand, der gerade in Reichweite ist – und probierst aus.
Linien. Punkte. Kreise. Zickzack. Wiederholungen. Überlagerungen. Dicke Spuren. Zarte Spuren. Schnell. Langsam. Mit viel Farbe. Mit wenig Farbe.
Und irgendwann passiert etwas Interessantes: Der kreative Prozess kommt in Gang.
Genau dafür nutze ich Markmaking selbst sehr gerne, wenn ich länger nicht praktisch-kreativ gearbeitet habe. Ich kritzele mich sozusagen erst einmal frei.
Und ziemlich häufig entstehen dabei Strukturen, bei denen ich plötzlich denke:
Oh – das ist ja interessant!
Dann wird aus der vermeintlichen Kritzelei vielleicht ein Stück Papier für eine neue Collage.
Ich habe also gar nicht versucht, etwas Schönes zu machen – und genau dadurch ist etwas entstanden, das ich unbedingt weiterverwenden möchte.
Meine persönliche Markmaking-Reste-Sammlung
Ich habe mir angewöhnt, beim Malen sämtliche Farbreste auf meiner Palette aufzubrauchen.
Statt die Farbe einfach wegzuwischen, nehme ich Papier und bringe sie mit unterschiedlichen Werkzeugen darauf.
Dafür muss es übrigens überhaupt kein schönes oder teures Künstlerpapier sein.
Bei mir liegt eine ganze Sammlung von „eigentlich noch brauchbaren“ Papieren herum:
- alte Zeitungsseiten
- weniger gut geglückte Gelli-Prints
- Papier, das ich zum Abstreifen meines Farbrollers benutzt habe
- Packpapier
- die Papiertüte vom Gemüsehändler
- Seidenpapier
- Teebeutelpapier
- und alles andere, was mir gerade interessant erscheint
Gerade diese scheinbar nutzlosen Papiere können später zu richtig spannendem Collagematerial werden.
Kritzeleien? Erlaubt ist, was Spuren hinterlässt
Zum Zeichnen und Kritzeln kannst du praktisch alles verwenden, was eine Spur hinterlässt.
Bleistift, Kugelschreiber, Filzstift, Buntstift oder Wachsmalstift.
Aber auch ein trockener oder nasser Pinsel kann interessante Spuren erzeugen.
Und beim Drucken wird es erst richtig spannend.
Was passiert, wenn du mit der Kappe eines Filzstifts eine Reihe von Punkten druckst?
Wie verändert sich der Abdruck, wenn die Farbe ziemlich trocken ist?
Und wie sieht dieselbe Struktur mit flüssigerer Farbe aus?
Ich verwende zum Beispiel leere Toilettenpapierrollen zum Drucken. Eine alte Zahnbürste erzeugt ganz wunderbare Linien und Strukturen. Ein eingetrockneter Pinsel, den ich eigentlich schon aussortieren wollte, kann plötzlich genau die richtige Oberfläche für eine Collage liefern.
Das ist für mich das Spannende am Markmaking: Du weißt vorher nie ganz genau, was passieren wird.
Das Experiment ist wichtiger als das Ergebnis
Und vielleicht ist genau das der Punkt, den ich am Markmaking besonders mag.
Du kannst deiner Entdeckungsfreude nachgehen, ohne dass am Ende etwas Bestimmtes herauskommen muss.
Kein schönes Bild.
Keine perfekte Linie.
Keine tolle Komposition.
Keine Bewertung.
Einfach ausprobieren.
Dabei beschäftigst du deine Hände und Sinne, beobachtest, wie sich Materialien verhalten, und triffst ganz nebenbei ständig kleine Entscheidungen: Was passiert, wenn ich das jetzt darüber setze? Was passiert mit dieser Farbe? Was ergibt diese Struktur?
Solche kleinen Experimente können die Aufmerksamkeit bündeln und die Wahrnehmung für Linien, Formen, Rhythmus und Strukturen schärfen.
Und manchmal führen sie zu etwas völlig Unerwartetem.
Das ist für mich der eigentliche Mehrwert von Markmaking.
Nicht die fertige Kritzelei. Sondern dass du ins Machen kommst.
Werkzeuge für deine Markmaking-Experimente
Zum Zeichnen und Kritzeln
- Bleistifte
- Kugelschreiber
- Filzstifte
- Buntstifte
- Wachsmalstifte
- Pinsel
Zum Drucken und Experimentieren
- kleine Zweige
- alte Zahnbürsten
- Schwämme
- Papphülsen
- zerknülltes Papier
- Wellpappe
- Bläschenfolie
- alte Plastikkarten
- Gummi-Pinsel
- Zahnspachtel
- gelochtes Papier
- strukturiertes Papier
…. und noch vieles mehr – schau dich am besten einfach mal bei dir zuhause um. In der Küche, im Bad, in Kramschubladen, im Altpapier – du wirst überall spannende Materialien und Werkzeuge entdecken, wenn du erst einmal angefangen hast zu experimentieren.
Und jetzt du?
Nimm dir ein paar alte Papiere und deine Farbreste. Such dir drei oder vier Werkzeuge aus – und dann leg einfach los.
Nicht überlegen, was daraus werden soll.
Nicht versuchen, besonders kreativ zu sein.
Einfach Spuren hinterlassen.
Und wenn dabei ein Papier entsteht, das dir gefällt: Nicht wegwerfen!
Leg es in eine Sammelmappe. Vielleicht wartet genau dort schon das Material für dein nächstes Bild. 😉
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