Verjüngungskur auf der Leinwand? Was Mixed-Media-Collagen mit deinem Gehirn machen können

Mixed-Media-Collage - Verjüngungskur auf der Leinwand?

Verjüngungskur auf der Leinwand? Was Mixed-Media-Collagen mit deinem Gehirn machen können

Kennst du das?

Du wolltest eigentlich nur schnell ein paar Papiere sortieren. Doch dann entdeckst du in einer alten Zeitschrift ein Muster, das perfekt zu diesem Stück Stoff passen könnte. Du probierst es aus, schiebst ein paar Schnipsel hin und her, ergänzt Farbe – und plötzlich ist eine Stunde vergangen.

Die Außenwelt ist irgendwie verschwunden. Du hast Kleber an den Fingern, überall liegen Papierschnipsel herum und du bist vollkommen vertieft in die Frage, ob dieses Stück Papier nun wirklich an diese Stelle gehört.

Wenn dir das schon einmal passiert ist: Willkommen im Club. 😉

Denn beim kreativen Arbeiten passiert erstaunlich viel. Wir schauen, fühlen, entscheiden, kombinieren, verändern, verwerfen und probieren wieder etwas Neues aus. Und genau dieses Zusammenspiel macht kreative Tätigkeiten auch aus Sicht der Gehirnforschung interessant.

Eine aktuelle Studie hat dabei für besonders viel Aufmerksamkeit gesorgt: Menschen mit umfangreicher kreativer Erfahrung zeigten im Durchschnitt ein biologisch jünger erscheinendes Gehirn als Menschen gleichen chronologischen Alters.

Heißt das also tatsächlich: Mit Schere, Kleber und Farbe können wir unser Gehirn verjüngen?

Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Aber die Ergebnisse sind spannend – und sie liefern gute Gründe, sich einmal genauer anzuschauen, was beim kreativen Gestalten eigentlich in unserem Kopf passiert.

Kreativität und Gehirnalter: Was die Forschung herausgefunden hat

Eine internationale Forschungsgruppe untersuchte mehr als 1.400 Menschen aus 13 Ländern und verglich unter anderem Menschen mit umfangreicher kreativer Erfahrung mit Personen ohne vergleichbare kreative Tätigkeit.

Mithilfe von EEG-Daten und computergestützten Verfahren wurde das sogenannte biologische Gehirnalter geschätzt. Dabei geht es vereinfacht gesagt um die Frage, ob bestimmte Gehirnmuster eher zu einem jüngeren oder älteren Gehirn passen, als man aufgrund des tatsächlichen Lebensalters erwarten würde.

Das Ergebnis war bemerkenswert: Bei den untersuchten bildenden Künstlern lag das geschätzte Gehirnalter im Durchschnitt rund sechs Jahre unter ihrem tatsächlichen Alter. Auch bei anderen kreativen Tätigkeiten zeigten sich entsprechende Zusammenhänge.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Malen oder Collagieren unser Gehirn automatisch um sechs Jahre verjüngt. Die Studie zeigt einen Zusammenhang – sie beweist nicht, dass die kreative Tätigkeit allein für den Unterschied verantwortlich ist.

Trotzdem ist die Erkenntnis interessant: Kreative Erfahrungen könnten mit einer Art geistiger Reserve zusammenhängen, die uns beim Älterwerden zugutekommt.

Und genau hier wird Mixed Media besonders spannend.

1. Das Multitasking der Sinne: Warum Mixed Media so interessant für den Kopf ist

Eine klassische Denksportaufgabe stellt uns meist eine ganz bestimmte Aufgabe: eine Zahl ergänzen, ein Wort finden, ein Rätsel lösen.

Beim Gestalten einer Mixed-Media-Collage sieht die Sache ganz anders aus.

Da liegt vielleicht raues Zeitungspapier neben einem Stück glattem Stoff. Du reißt eine Kante ab, schneidest eine andere Form aus, mischst Farbe und überlegst gleichzeitig, wie die einzelnen Elemente miteinander wirken.

Du arbeitest also mit unterschiedlichen Materialien und Sinnen und musst ständig kleine Entscheidungen treffen.

Was passt zusammen? Was stört mich? Was fehlt noch? Was passiert, wenn ich dieses Element verschiebe?

Dabei kommen Wahrnehmung, Feinmotorik, räumliche Vorstellung, Aufmerksamkeit und Entscheidungsfähigkeit zusammen.

Und dann gibt es noch etwas, das ich an Collagen besonders liebe: Du musst nicht alles von Anfang an wissen.

2. Strategie trifft Intuition

Beim Collagieren gibt es selten den einen richtigen Weg.

Du kannst dir vorher überlegen, wie dein Bild aussehen soll. Aber spätestens nach den ersten drei Schnipseln kommt meistens irgendetwas dazwischen.

Vielleicht entdeckst du ein Stück Papier, das plötzlich viel besser passt als deine ursprüngliche Idee. Vielleicht ist eine Fläche zu langweilig und braucht einen kräftigen Farbtupfer. Vielleicht klebst du etwas an eine Stelle, an die es deiner Meinung nach überhaupt nicht gehört – und genau dort funktioniert es plötzlich.

Du planst. Du probierst. Du verwirfst. Du kombinierst neu.

Dabei wechseln sich bewusstes Entscheiden und intuitives Gestalten ab.

In der Neurowissenschaft interessiert man sich unter anderem dafür, wie unterschiedliche Gehirnnetzwerke bei kreativen Prozessen zusammenarbeiten. Kreativität scheint jedenfalls nicht einfach nur „freies Herumspinnen“ zu sein. Sie verbindet spontane Ideen und Assoziationen mit der Fähigkeit, auszuwählen, zu bewerten und etwas tatsächlich umzusetzen.

Und genau das macht kreatives Arbeiten so interessant für unsere kognitive Flexibilität – also unsere Fähigkeit, gedanklich die Richtung zu wechseln und neue Möglichkeiten zuzulassen.

Eine Collage kann dafür ein wunderbares Spielfeld sein.

Das ist mir übrigens gerade selbst passiert.
Ich arbeite momentan intensiv mit Mixed Media und wollte für eine Collage ursprünglich eines meiner alten Kinderfotos verwenden. Ich hatte schon ziemlich genau eine Vorstellung davon, wie das Bild am Ende aussehen sollte.

Und dann kam – wie so oft beim Collagieren – alles anders. 😉

Während ich mit den verschiedenen Papieren, Farben und Bildelementen experimentierte, entwickelte sich die ursprüngliche Idee immer weiter. Am Ende hatte das Bild mit meiner ersten Vorstellung kaum noch etwas zu tun – und genau das fand ich spannend.

Ich hatte den Plan gemacht. Das Bild hatte offenbar andere Pläne.

Und plötzlich war da etwas entstanden, das ich so niemals am Schreibtisch hätte planen können.

Genau das liebe ich am kreativen Arbeiten: Man beginnt mit einer Idee, aber man weiß nie ganz genau, wo man landet. Man muss Entscheidungen treffen und gleichzeitig offen genug bleiben, die eigene Idee wieder loszulassen.

Vielleicht ist das sogar eine kleine Übung fürs Leben: Nicht jede ursprüngliche Vorstellung muss am Ende umgesetzt werden. Manchmal entsteht etwas viel Interessanteres, wenn wir bereit sind, unsere Richtung zu ändern. 

3. Der Flow: Wenn die Welt für eine Weile draußen bleibt

Und dann gibt es noch diesen besonderen Moment.

Du arbeitest und arbeitest – und plötzlich merkst du, dass du überhaupt nicht mehr auf die Uhr geschaut hast.

Das ist der berühmte Flow-Zustand: eine Tätigkeit zieht uns so sehr in ihren Bann, dass wir ganz im Moment aufgehen.

Gerade beim kreativen Arbeiten kann das leicht passieren. Farben mischen, Papier reißen, Strukturen ausprobieren, etwas wieder überkleben – und irgendwann gibt es nur noch das Bild vor dir.

Für mich ist genau das eine der schönsten Seiten des kreativen Arbeitens.

Denn wir leben in einer Welt, in der unser Kopf ständig beschäftigt ist. Nachrichten, Termine, Handy, E-Mails, Einkaufsliste, To-do-Liste …

Da kann es unglaublich wohltuend sein, einmal eine Tätigkeit zu haben, die keine Eile kennt.

Wichtig ist dabei, wissenschaftlich nicht zu viel zu versprechen: Ein Flow-Erlebnis lässt sich nicht einfach mit „Cortisol sinkt und das Gehirn altert langsamer“ gleichsetzen. Die Forschung zu kreativem Tun, Stress und Wohlbefinden ist spannend, aber einzelne Studien lassen sich nicht in eine simple Anti-Aging-Formel übersetzen.

Was du aber selbst sehr schnell feststellen kannst: Eine Stunde, in der du vollkommen in einer kreativen Tätigkeit aufgehst, fühlt sich anders an als eine Stunde, in der du gleichzeitig zehn Dinge erledigst.

Und manchmal ist genau das schon ein ziemlich guter Grund, kreativ zu werden.

4. Du musst kein Künstler sein – wirklich nicht!

Vielleicht denkst du jetzt: „Schön und gut. Aber ich kann überhaupt nicht malen.“

Das höre ich ziemlich oft.

Und deshalb liebe ich Collagen.

Du musst keine realistischen Gesichter zeichnen können. Du musst keine perfekte Perspektive beherrschen und schon gar nicht beweisen, dass du eine große Künstlerin bist.

Du kannst mit vorhandenen Bildern arbeiten. Mit alten Zeitschriften, Papierresten, Stoffen, Tapeten, Verpackungen, Fotos oder Fundstücken. Du kannst reißen, schneiden, kleben, übermalen und wieder überkleben.

Und wenn etwas nicht gefällt?

Dann kommt eben die nächste Schicht darüber. 😉

Gerade Mixed Media nimmt deshalb ein bisschen den Druck heraus, „etwas können“ zu müssen.

Es geht nicht darum, ein perfektes Bild herzustellen.

Es geht darum, etwas auszuprobieren.

Vielleicht entsteht dabei ein Bild, das du wunderschön findest. Vielleicht entsteht etwas völlig anderes als geplant. Vielleicht stellst du irgendwann fest, dass dir eine Farbkombination gefällt, die du vorher niemals gewählt hättest.

Auch das ist geistige Beweglichkeit: offen zu bleiben für etwas, das anders ist als erwartet.

5. Kreativität kennt kein Ablaufdatum

Und hier schließt sich für mich der Kreis zu Longevity.

Wenn wir über gesundes Älterwerden sprechen, denken wir häufig an Ernährung, Bewegung, Schlaf, Muskelmasse oder unsere Blutwerte.

Alles wichtig.

Aber was ist mit unserer Neugier?

Mit der Bereitschaft, etwas Neues auszuprobieren? Mit Fantasie, Spiel und der Fähigkeit, unsere Perspektive zu verändern?

Auch unser Gehirn bleibt nicht einfach stehen, nur weil wir älter werden. Es kann weiterhin lernen, neue Erfahrungen verarbeiten und sich an veränderte Anforderungen anpassen.

Kreativität ist deshalb für mich kein nettes Extra, das man sich gönnt, wenn alle wichtigen Dinge erledigt sind.

Sie gehört für mich zu einem Leben, das geistig lebendig bleiben möchte.

Und dafür braucht es weder ein Kunststudium noch eine Staffelei im Atelier.

Manchmal reichen ein paar alte Zeitschriften, Schere, Kleber und ein bisschen Neugier.

Mein Fazit: Vielleicht ist Kreativität tatsächlich eine Art Gehirn-Verjüngungskur

Nein – ich würde nicht behaupten, dass eine Mixed-Media-Collage dein Gehirn nach einer Stunde um fünf Jahre verjüngt.

Aber ich finde die Forschung zu kreativen Erfahrungen und Gehirnalter ausgesprochen spannend.

Und noch spannender finde ich, was beim kreativen Arbeiten tatsächlich passiert: Wir nehmen wahr, entscheiden, kombinieren, experimentieren, verändern unsere Meinung und lassen uns manchmal einfach überraschen.

Wir verlassen für eine Weile die gewohnten Denkbahnen.

Und vielleicht ist genau das eine der schönsten Formen von geistiger Fitness: nicht immer schneller und effizienter zu werden, sondern neugierig zu bleiben.

Also schnapp dir ruhig einmal Schere, Kleber und ein paar alte Zeitschriften.

Du musst kein Meisterwerk erschaffen.

Vielleicht reicht es schon, wenn du dabei für eine Weile die Welt vergisst.

Und wenn dein Gehirn dabei ein bisschen auf Trab bleibt, ist das doch ein ziemlich angenehmer Nebeneffekt. 😉

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