Was passiert, wenn ich mich intensiv auf eine Farbe konzentriere? Ein Experiment
Ich wusste vorher ziemlich genau, was passieren würde. Dachte ich zumindest.
Vor vielen Jahren leitete ich einen Feng-Shui-Workshop. Ich wollte den Teilnehmerinnen nicht einfach erzählen, dass Farben eine bestimmte Wirkung haben können. Ich wollte, dass sie es selbst erleben.
Also bat ich die Gruppe, sich in fünf Kleingruppen zusammenzufinden. Jede Gruppe erhielt einen DIN-A2-Papierbogen und sollte sich für eines der fünf Elemente des Feng Shui entscheiden.
In der Mitte des Raumes lagen zahlreiche Zeitschriften, die für die Collagen verwendet werden durften.
Die Aufgabe war ganz einfach – und gleichzeitig ziemlich ungewöhnlich:
Jede Gruppe sollte eine reine Farbcollage gestalten.
Dabei durfte ausschließlich die Farbwelt des jeweiligen Elements verwendet werden:
- Feuer – Rot
- Erde – Gelb und Orange
- Metall – Weiß und Grau
- Wasser – Blau und Schwarz
- Holz – Grün und Braun
Es ging also nicht darum, einen Gegenstand oder eine Landschaft darzustellen. Die Teilnehmerinnen sollten sich ausschließlich auf die jeweilige Farbwelt einlassen.
Was dann passierte, hatte ich in dieser Intensität nicht erwartet.
Als Farbe plötzlich spürbar wurde
Die Feuergruppe wurde mit der Zeit immer unruhiger.
Die Teilnehmerinnen redeten angeregter, die Stimmung wurde zunehmend aufgeheizt und irgendwann war es einigen schlicht zu viel. Eine Teilnehmerin musste sich sogar für eine Weile aus der Gruppe zurückziehen.
Auch die anderen Gruppen bemerkten etwas. Nicht unbedingt so spektakulär – aber die unterschiedlichen Farbwelten wurden zunehmend spürbar.
Am Ende waren alle begeistert.
Nicht, weil sie nun wissenschaftlich bewiesen hatten, dass Feng Shui recht hatte. Das war natürlich nicht der Sinn des Experiments.
Sondern weil sie etwas selbst erlebt hatten, was ihnen vorher nur theoretisch beschrieben worden war:
Farbe kann man nicht nur sehen. Man kann sie erleben.
Und genau das finde ich bis heute faszinierend.
Von der Farbtheorie zum eigenen Erleben
Es gibt unendlich viele Farbtheorien. Farbpsychologie, Farbassoziationen, kulturelle Bedeutungen, persönliche Erinnerungen – und natürlich Feng Shui mit seinen eigenen Zuordnungen.
Aber Menschen reagieren nicht wie ein Farblexikon.
Rot ist nicht automatisch aggressiv. Blau macht nicht jeden Menschen ruhig. Gelb löst nicht bei allen gute Laune aus.
Die wissenschaftliche Forschung zeichnet inzwischen ein wesentlich differenzierteres Bild. Farben werden tatsächlich systematisch mit bestimmten Emotionen und Gefühlsqualitäten verbunden. Dabei spielen unter anderem Farbton, Helligkeit und Sättigung eine Rolle. Gleichzeitig sind diese Zusammenhänge keineswegs eins zu eins: Eine Farbe kann mit unterschiedlichen, teilweise sogar gegensätzlichen Emotionen verbunden sein. Und ob eine solche Verbindung tatsächlich unsere Stimmung verändert, hängt zusätzlich vom jeweiligen Kontext ab.
Das finde ich viel spannender als die klassischen Farbtabellen.
Denn natürlich hat auch unsere persönliche Geschichte ein Wörtchen mitzureden.
Meine ganz persönliche Farbgeschichte
Bei mir lösen beispielsweise diese typischen Retrofarben der 1950er- und 1960er-Jahre sofort ein heimeliges Gefühl von Geborgenheit aus.
Ich habe dabei fast augenblicklich den Duft von heißem Kakao und frischen Erdbeeren in der Nase – die Gerüche meiner Kindheit.
Kleiden würde ich mich trotzdem nicht in diesen Farben. 😉
Wo und wofür mir eine Farbe gefällt, macht für mich einen großen Unterschied.
Und genau das ist interessant: Eine Farbe existiert für uns nie völlig losgelöst von einem Zusammenhang.
Ein bestimmtes Grün kann an eine Sommerwiese erinnern. Ein bestimmtes Blau an das Meer. Ein Orange kann uns an eine alte Tapete aus dem Elternhaus erinnern. Und plötzlich ist da nicht mehr nur eine Farbe – sondern eine ganze Geschichte.
Farben haben auch eine kulturelle Geschichte
Was wir mit Farben verbinden, ist außerdem nicht überall auf der Welt gleich.
Ein schönes Beispiel ist Weiß.
In vielen westlichen Kulturen verbinden wir Weiß mit Reinheit, Hochzeit und Neubeginn. In China wird Weiß dagegen traditionell auch mit Trauer und Tod verbunden.
Auch Rot zeigt, wie wenig sinnvoll einfache Farbformeln sind. Rot kann mit Gefahr, Leidenschaft oder hoher Erregung verbunden werden – gleichzeitig steht es in China beispielsweise traditionell für Glück und Wohlstand.
Untersuchungen mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus unterschiedlichen Ländern zeigen tatsächlich sowohl kulturübergreifende Gemeinsamkeiten als auch kulturelle Unterschiede in Farb-Emotions-Zuordnungen. Eine Studie mit Personen aus China, Deutschland, Griechenland und Großbritannien fand beispielsweise, dass sich manche Farbassoziationen ähneln, während andere kulturell unterschiedlich ausfallen.
Das bedeutet für mich:
Es gibt keine universelle Bedienungsanleitung für Farben.
Und genau deshalb lohnt es sich, die eigene Wahrnehmung einmal genauer anzuschauen.
Was passiert, wenn wir nicht fragen, was eine Farbe angeblich bewirkt?
Sondern:
Was macht diese Farbe mit mir?
Das ist für mich der viel spannendere Ansatz.
Denn statt eine Farbwirkung vorgegeben zu bekommen, können wir unsere eigene Reaktion beobachten.
Und genau daraus ist die Idee für ein kleines Mental-Art-Experiment entstanden.
Dein eigenes Farbexperiment
Nimm eine Farbe, zu der du spontan eine starke Reaktion hast.
Nicht unbedingt deine Lieblingsfarbe.
Eine Farbe, die etwas mit dir macht.
Gestalte daraus eine abstrakte Mixed-Media-Collage.
Nicht gegenständlich. Keine Blumen, keine Landschaft und möglichst auch nicht der Versuch, ein besonders „schönes“ Bild zu erschaffen.
Lass dich einfach auf diese Farbe ein.
Du kannst mit unterschiedlichen Papieren arbeiten, mit Farbe, Stiften, Strukturen, Abdrücken oder Fundstücken.
Farbe und Struktur. Mehr brauchst du zunächst nicht.
Und dann beobachte dich selbst.
- Wird deine Handbewegung schneller oder langsamer?
- Verwendest du viel oder wenig Farbe?
- Arbeitest du großzügig oder eher vorsichtig?
- Möchtest du die Farbe mit anderen Farben kombinieren – oder möchtest du unbedingt bei ihr bleiben?
- Entsteht eher Ordnung oder Chaos?
- Welche Strukturen entstehen?
- Verändert sich deine Stimmung während des Arbeitens?
- Und vor allem:
Hat sich dein Empfinden gegenüber dieser Farbe verändert?
Vielleicht liebst du sie danach noch mehr.
Vielleicht möchtest du sie nie wieder sehen.
Vielleicht entdeckst du eine ganz neue Seite an ihr.
Oder vielleicht passiert überhaupt nichts Besonderes.
Auch das ist eine interessante Beobachtung.
Denn beim Mental Art geht es nicht darum, ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen.
Es geht darum, wahrzunehmen, auszuprobieren und sich selbst dabei ein bisschen besser kennenzulernen.
Farbe ist mehr als ein Farbton
Und dann kommt noch etwas hinzu, das wir im Alltag häufig unterschätzen:
Farbe gibt es nicht ohne Licht.
Wenn du ein Kleidungsstück einmal in der Umkleidekabine und später bei Tageslicht betrachtet hast, kennst du das Phänomen vermutlich.
Im Geschäft sah die Farbe fantastisch aus.
Zu Hause plötzlich nicht mehr.
Oder Rock und Bluse schienen unter dem künstlichen Licht perfekt zusammenzupassen – und bei Tageslicht beißen sich die Farben plötzlich.
Das liegt unter anderem daran, dass die Beleuchtung beeinflusst, welche Lichtanteile von einem Gegenstand in unser Auge gelangen.
Auch die Umgebung spielt eine Rolle.
Ein und derselbe Grauton kann neben einem kräftigen Rot anders wirken als neben einem kühlen Blau. Dieses Phänomen wird unter anderem als Simultankontrast bezeichnet: Unser visuelles System verarbeitet einen Farbton immer auch im Verhältnis zu seiner Umgebung.
Das ist für mich als Designerin natürlich besonders spannend.
Denn plötzlich wird aus einer einzelnen Farbe ein Zusammenspiel.
Was wir sehen, entsteht in unserem Wahrnehmungssystem
Vielleicht lohnt sich an dieser Stelle ein ganz kleiner Ausflug in die Wahrnehmungsphysiologie.
Physikalisch betrachtet treffen elektromagnetische Wellen unterschiedlicher Wellenlängen auf unser Auge. Sichtbares Licht umfasst dabei grob den Bereich von etwa 380 bis 700 Nanometern.
Unsere Netzhaut enthält verschiedene Arten von Zapfen, die auf unterschiedliche Bereiche des Lichtspektrums besonders empfindlich reagieren. Die Signale werden anschließend in mehreren Verarbeitungsschritten im Nervensystem weiterverarbeitet.
Die Farbe, die wir erleben, ist also nicht einfach eine Eigenschaft, die irgendwo „im Gegenstand steckt“. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Licht, Material, Auge und Gehirn.
Und genau deshalb ist Farbwahrnehmung so faszinierend.
Wir sehen nicht einfach nur einen Farbton.
Wir verarbeiten ihn.
Wir setzen ihn in Beziehung zu seiner Umgebung, zu unseren Erfahrungen und zu dem jeweiligen Kontext.
Und was bedeutet das für MentalArtistry?
Für mich bedeutet es vor allem eines:
Wir müssen nicht immer zuerst wissen, wie etwas auf uns wirkt. Wir können es auch ausprobieren.
Das war letztlich auch das Spannende an meinem damaligen Feng-Shui-Experiment.
Ich hätte den Teilnehmerinnen zehn Minuten lang erklären können, welche Eigenschaften den einzelnen Farben im Feng Shui zugeschrieben werden.
Stattdessen ließ ich sie eine Stunde lang mit diesen Farbwelten arbeiten.
Und plötzlich wurde aus Theorie eine persönliche Erfahrung.
Genau diesen Ansatz mag ich auch heute noch.
Wahrnehmen. Ausprobieren. Beobachten. Reflektieren.
Vielleicht entsteht dabei eine spannende Collage.
Vielleicht entdeckst du eine neue Lieblingsfarbe.
Vielleicht stellst du fest, dass eine Farbe, die du bisher nie mochtest, plötzlich interessant wird.
Oder vielleicht merkst du einfach, dass du nach einer Stunde Rot dringend eine Tasse Tee brauchst. 😉
Auch das gehört zum Experimentieren.
FAQ
Kann Farbe unsere Stimmung beeinflussen?
Farben können mit bestimmten Gefühlen und Stimmungen verbunden sein. Welche Wirkung eine Farbe hat, ist jedoch nicht für alle Menschen gleich. Neben Farbton, Helligkeit und Sättigung spielen auch persönliche Erfahrungen, kulturelle Prägungen und der jeweilige Kontext eine Rolle.
Warum wirken Farben auf Menschen unterschiedlich?
Unsere Farbwahrnehmung entsteht aus dem Zusammenspiel von Licht, Auge und Gehirn. Gleichzeitig verbinden wir Farben mit persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen. Deshalb kann ein Farbton bei einem Menschen angenehme Erinnerungen auslösen und bei einem anderen ganz anders ankommen.
Kann man die Wirkung einer Farbe selbst ausprobieren?
Ja. Eine einfache Möglichkeit ist ein kleines Farbexperiment: Wähle eine intensive Farbe und gestalte damit eine abstrakte Collage oder ein Bild. Beobachte dabei nicht nur das Ergebnis, sondern auch deinen Gestaltungsprozess. Arbeitest du schnell oder vorsichtig? Verwendest du viel oder wenig Farbe? Möchtest du weitere Farben hinzufügen oder lieber bei einer bleiben?
Muss ich für ein Farbexperiment malen können?
Nein. Gerade bei einem solchen Experiment geht es nicht um zeichnerisches Können. Du kannst mit Papier, Farbe, Schnipseln, Linien, Formen oder verschiedenen Materialien arbeiten. Entscheidend ist nicht, ob am Ende ein „schönes Bild“ entsteht, sondern was du während des Gestaltens wahrnimmst.